Innovation braucht Freiräume

Kreativität anstatt Konformität, Vertrauen anstelle von Kontrolle: Um mit der Digitalisierung Schritt zu halten, brauchen Unternehmen Mut zum Risiko und ein neues Mindset. Autor: Tobias Sattler 

Moderne Technologien eröffnen Unternehmen grosse Chancen. Genauso gross allerdings ist die Bandbreite an Herausforderungen: Wissen und Technologien veralten schneller, die Time-to-Market wird kürzer und bislang bewährte Produkte und Dienstleistungen entsprechen nicht mehr den Kundenbedürfnissen. Denn diese verändern sich im Zuge der Digitalisierung rasch.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie sich zu permanent lernenden Organisationen entwickeln müssen. Mitarbeitende sollten laufend an neuen Technologien herangeführt und regelmässig geschult werden. Dies allein reicht jedoch nicht aus. Ebenso wichtig auf dem Weg zu einer erfolgreichen digitalen Transformation ist eine Kultur, die Anreize für Kreativität schafft und gute Ideen honoriert. Genau da hapert es aber bei vielen Unternehmen: Arbeitsabläufe sind eingefahren, die Angst vor Fehlern ist grösser als der Mut zum Experimentieren und mit Meetings überfrachtete Agenden lassen kaum Raum für Gedanken und Projekte, die über das tägliche Business hinausgehen.

The Creative Brain

Lineare Prozesse verhindern Innovation

Innovationskraft aber braucht Freiräume. Freiräume, in denen Mitarbeitende unter Start-up-ähnlichen Bedingungen Ideen entwickeln und wieder verwerfen dürfen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Dafür braucht es in Unternehmen eine Kultur, die Scheitern nicht als Versagen betrachtet. Sondern es als notwendigen Schritt akzeptiert auf dem Weg hin zu Produkten und Dienstleistungen, die von den Kunden auch wirklich gefragt werden.

Etwas zugespitzt heisst das: Kontrolle war gestern, heute ist Vertrauen die Devise. Innovation kann nicht mit standardisierten, linearen Prozessen erzeugt werden. Vielmehr braucht es Mut zu nonkonformen Wegen und zu Mitarbeitenden, die über ungewöhnliche Lebensläufe verfügen oder branchenfremdes Wissen einbringen. Es braucht Mut, die Mitarbeitenden Richtungen einschlagen zu lassen, die nicht den ursprünglichen Vorstellungen entsprechen. Es braucht Mut, Risiken einzugehen und auf die Fähigkeiten der Mitarbeitenden zu vertrauen. Dies stärkt nicht zuletzt die Mitarbeiterbindung: Menschen, die ihr Potenzial ausschöpfen können und ihre Arbeit als sinnvoll begreifen, sind motivierter und loyaler gegenüber ihrem Arbeitgeber. Eine wichtige Aufgabe der Führungskräfte ist daher, Sinn zu stiften und Orientierung zu vermitteln.

Die gute Ausgangslage nutzen

Neben dem kulturellen Wandel verlangt auch der Umgang mit der Technologie nach neuen Wegen. Für viele Unternehmen – gerade KMU mit beschränkten humanen und finanziellen Ressourcen – stellt die IT-Infrastruktur jedoch eine grosse Hürde auf dem Weg zur Digitalisierung dar: Träge Systeme hemmen die Agilität und machen es schwer, auf die sich rasch ändernden Bedürfnisse der Kunden einzugehen. Gleichzeitig aber fehlen die Mittel für Investitionen in neue Technologien ebenso wie internes digitales Wissen. Das Risiko, in das Falsche zu investieren, ist gross. Eine Möglichkeit, dies zu vermeiden, ist das Testen von Anwendungen im kleinen Rahmen. Bewährt sich die Lösung, kann sie im ganzen Unternehmen implementiert werden.

Viele Unternehmen sind allerdings näher am Puls der Zeit, als ihnen vielleicht bewusst ist. Die Schweiz ist bereits heute europäischer Spitzenreiter beim Integrieren neuer Technologien. Ausserdem ist die Digitalisierungsrate hoch – im globalen Vergleich liegt die Schweiz nur hinter Japan und Skandinavien zurück. Die Unternehmen haben also eine gute Ausgangslage. Sie müssen diese lediglich zu ihrem Vorteil nutzen.